Bayerischer Gründerpreis für Passauer Start-up: Große Bühne für kleine Erzeuger

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Vier Gründer aus Niederbayern wollen eine völlig neue Brücke zwischen regionalen Lebensmittelerzeugern und Verbrauchern bauen – und haben mit ihrer Idee jetzt den Bayerischen Gründerpreis gewonnen. In diesem Herbst soll das Projekt offiziell starten.

Passau – Wo bekomme ich Milch, Eier, Kartoffeln oder Gemüse direkt vom Erzeuger? Wo wird in meiner Umgebung noch handwerklich gebacken und gekäst, mit Achtung vor dem Tier geschlachtet oder leckere Feinkost aus regionalen Zutaten hergestellt? Wo kaufe ich Lebensmittel mit Charakter und Geschichte – und mit möglichst wenigen Zusatzstoffen? Und in welchem Lokal finde ich auf der Speisekarte, was genau in dieser Gegend wächst und gedeiht? Kurz: Wo kann ich regionale Produkte finden? Ein Passauer Start-up will eine Brücke bauen zwischen Idealen und unserem tatsächlichen Konsum: Die „Regiothek“ macht kleine, engagierte Betriebe sichtbar, die sich jeden Tag um diese Ideale bemühen. Im Herbst wollen die Gründer ihre Idee offiziell auf den Markt bringen. Die Juroren des Bayerischen Gründerpreises adelten das Start-up jetzt mit dem dritten Platz beim Bayerischen Gründerpreis. Inzwischen gibt es nach Angaben der vier Jungunternehmer bereits sogar Interessenten aus Paris, die mit den Niederbayern kooperieren wollen.

Hinter der digitalen Informations- und Netzwerkplattform stehen vier Passauer Existenzgründer: Anton Kohlbauer (33), Bastian Kühnel (26), Simon Nestmeier (29) und Alexander Treml (30). Ihre Vision: „Wie Millionen von VerbraucherInnen wünschen auch wir uns eine umweltfreundliche, gesunde und vielfältige Land- und Lebensmittelwirtschaft“, sagt Alexander Treml. Die Regiothek, gefördert mit einem Existenzgründerstipendium von rund 120.000 Euro und begleitet vom Netzwerk der Industrie- und Handelskammer Niederbayern, soll diesen Traum zunächst in Niederbayern Wirklichkeit werden lassen.  Vor allem die Nähe zum Lehrstuhl für Data Science der Universität Passau sehen die Innovatoren bei der Entwicklung der Regiothek von Vorteil. Als sogenanntes „Ausgründungsprojekt“ ist die Regiothek ein Start-up, dessen Konzept aus der Hochschulforschung stammt, um sich zu verselbständigen. Seit April 2018 ist das Projekt im FLÜGGE-Programm für Existenzgründer des Bayerischen Wirtschaftsministeriums. Das Ziel: in Kooperation mit der Universität die Plattform bis zur Markteinführung im Herbst dieses Jahres noch weiter zu verbessern.
Es war der Holzofen einer kleinen Bäckerei in der Nähe von Passau, der den Zündfunken für die Regiothek versprühte. Zufällig war Alex dort für einen Studentenjob gelandet: Brot und Semmeln auf den umliegenden Märkten verkaufen, und dem Bäcker-Müller und seinen Leuten bei allem helfen, was gerade so ansteht. In Alex“ Kopf passierten vor allem drei Dinge: Begeistertes Staunen darüber, dass es diesen winzigen Betrieb mit eigener Mühle, traditionellem Holzofen und Bio-Rohstoffen aus der Umgebung überhaupt noch gibt. Zweitens: leicht unangenehmes Staunen darüber, wie wenig er selbst über Getreide, Saaten, Mahlen und Backen wusste, trotz des täglichen Brotes. Und drittens die Erkenntnis: Hier gibt es jeden Tag so viel Arbeit, dass die Bäckersleute nicht wirklich dazu kommen, den Menschen da draußen zu erzählen, was sie Großartiges zu bieten haben.
Im Internet fand Alex ein paar statische Verzeichnisse von Anbietern regionaler Produkte, an anderen Stelle Infos zu Nahrungsmitteln und Ernährung, viel Unklarheit um den Begriff „Regionalität“ und so manche ungepflegte Seite von eigentlich sehr gepflegten Betrieben. Orientierung? Schwierig. Zwei mal drei macht vier: Die Idee zur Regiothek war da. Informationen bündeln, Transparenz schaffen, im Sinne engagierter Betriebe und Menschen, die sich dafür interessieren, wo ihr Essen herkommt.
Nicht nur dem Bäckermeister aus dem Passauer Umland, auch den Inhabern von anderen kleinen Lebensmittel-Betrieben sowie Freunden und Bekannten erschien die Idee großartig. Mit dem Programmierer Anton Kohlbauer und dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Simon Nestmeier fand Alexander Treml, selbst Informatik-Masterabsolvent der Uni Passau, die optimalen Mitstreiter für das Projekt. Die drei tüftelten und probierten und redeten mit einem Haufen Leute, bewarben sich mit der Regiothek für das Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums – und überzeugten die Jury. Denn die Zahlen geben den Passauer Gründern Recht: Laut Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (2017) wird auch in der Lebensmittelbranche das mobile Internet immer wichtiger: Bereits jeder vierte Deutsche (27%) nutzt sein Smartphone beim Nahrungsmittelkauf.
Die Regiothek will regionale Erzeuger ohne großen Marketingfokus mit den Kommunikationserwartungen des digitalen Verbrauchers versöhnen: „Für kleine Betriebe stellt die Kommunikation nach außen eine große Herausforderung dar. Umweltbewusst wirtschaftenden Landwirten mit Hofläden und Markständen, Imkern, handwerklichen Lebensmittelverarbeitern, kleinen (Bio-)Läden und Gastro-Betrieben mit regionalem Speisenangebot steht ein finanziell und zeitlich recht begrenztes Marketingbudget zur Verfügung. Damit begegnen sie Verbrauchern, die sich größtmögliche Nachhaltigkeit und Transparenz wünschen und zunehmend moderne Technologien nutzen, um sich zu informieren“, sagt Alex Treml. Die Regiothek biete ein umfassendes Online-Kommunikationsinstrument mit großer Reichweite. Der Auftritt leiste mehr als eine betriebseigene Internetseite und kann diese ersetzen oder ergänzen. Damit erlangen die kleinen, engagierten Betriebe der Lebensmittelwirtschaft die notwendige Präsenz in der modernen Welt. „Auf dass sie auch in 50 Jahren noch für uns ernten und melken, gärtnern und backen, wursten, käsen, saften und kochen“, so die Hoffnungen der drei Passauer Gründer. Sie wollen ihr Portal, das seit einem Jahr am Markt ist, weiter ausbauen. In einer späteren Version der Regiothek erfahren Verbraucher aktuelle Angebote, Hoffeste oder Führungen und von spannenden Entwicklungen im Betrieb. Durch so genannte Push-Funktionalitäten können User in der Umgebung unmittelbar erreicht werden.
Der offizielle Marktstart steht unmittelbar bevor: „Wir verbessern zur Zeit noch die Bedienbarkeit und die Oberfläche, um in weitere Regionen expandieren zu können,“ sagt Webdesigner Bastian Kühne. „Ab Herbst 2018 werden wir ein umfangreiches Paket an Leistungen anbieten, um für alle Betriebe, die tagtäglich ‚ehrliche‘ Lebensmittel produzieren, ein verlässlicher Ansprechpartner für Digitalisierung und Online-Marketing zu sein – vom Nebenerwerbsimker bis hin zum mittelständischen Biobäcker.“ Mehr Informationen: www.regiothek.de

Foto: obx-news/Regiothek

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