Niederbayern: Denkfabrik für die sichere Stromversorgung von morgen

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Lokale Energiemärkte, Smart Citys und eine regionale Öko-Bilanz auf Knopfdruck: In mehreren Pilotprojekten erforscht Bayerns größter regionaler Stromnetzbetreiber die Trends und Möglichkeiten für die Stromversorgung der Zukunft. 
Regensburg – Immer mehr Bürger und Kommunen nutzen die Energie der Natur und speisen Photovoltaik-Strom oder Strom aus Windkraft ins Netz ein. Immer mehr Haushalte setzen künftig auf eigene Energiespeicher oder laden ihr Elektroauto an der heimischen Steckdose: Für Energienetzbetreiber ist diese neue Energie-Revolution eine riesige Herausforderung. Das Bayernwerk als größter Verteilnetzbetreiber in Bayern hat mehrere Pilotprojekte gestartet, um die sichere Energieversorgung von morgen zu erforschen. Niederbayern wird dabei immer mehr zur „Denkfabrik“ für die Stromversorgung von morgen. 
Es ist eine Revolution, die vom Verbraucher weitgehend unbemerkt stattfindet: der massive Umbau des bayerischen Stromnetzes. Notwendig machen diesen die Erneuerbaren Energien. Während früher nur wenige Großkraftwerke den Strombedarf deckten, speisen heute hunderttausende regenerative Erzeugungsanlagen Strom ins Netz ein. In mehreren Experimenten in Niederbayern testet das Bayernwerk, das mit einer Netzlänge von über 150.000 Kilometern rund fünf Millionen Menschen im Freistaat versorgt, die Trends der Energieversorgung von morgen.
Die wichtigsten Fragen, auf die sich das Bayernwerk gemeinsam mit Verbrauchern und Kommunen Antworten erhofft: Wie beeinflusst zusätzliche Speicherleistung die sichere Stromversorgung? Wie kann vor dem Hintergrund zahlreicher kleiner, dezentraler Einspeiser ein lokaler Energiemarkt entstehen? Wie lässt sich die ökologische Strom-Bilanz einer Gemeinde sichtbar machen?
Fest steht schon heute, dass es nicht nur immer mehr dezentrale Stromlieferanten geben wird, sondern dass auch der Einsatz von Heimspeichersystemen im gesamten Netzgebiet zunehmen wird. In einem Pilotprojekt im niederbayerischen Osterhofen testet Bayerns größter regionaler Netzbetreiber seit Herbst 2017, wie die Stromversorgung angesichts dieser neuen Herausforderung auch in Zukunft sicher und unterbrechungsfrei bleibt. Die Stadt Osterhofen im Landkreis Deggendorf hat knapp 12.000 Einwohner und ist wegen der hohen Dichte an Photovoltaikanlagen besonders geeignet. Bis Ende 2019 testet das Bayernwerk dort unter dem Namen „Distribat“ die Einbindung größerer Speicherleistung im Stromnetz.
Bayernwerk-Techniker installierten die Kapazität von umgerechnet mehr als 30.000 mittelgroßen, handelsüblichen Akku-Batterien. Mehr Speicher im Netz könnten künftig nach Worten von Bayernwerk-Vorstand Reimund Gotzel die Anbindung neuer dezentraler Erzeugungsanlagen wie Solaranlagen oder Windräder ans Netz vereinfachen. Das Bayernwerk hofft konkret, dass aufwändige Maßnahmen zum Netzausbau dadurch reduziert werden können – davon würden vor allem die Verbraucher profitieren.
Ebenfalls in Niederbayern testet Bayernwerk gemeinsam mit dem E.ON Future Lab seit Dezember 2017 eine Art regionales Energie-Ökosystem: „Versuchslabor“ sind in diesem Fall die Gemeinden Furth und Altdorf bei Landshut. Das Ziel dort: zu erforschen, wie dezentral erzeugte Energie in den Regionen direkt und effizient genutzt werden kann. Gelingen könnte dies, indem regionale Potenziale bei der Anpassung des Verbrauchs und von lokalen Energiespeichern stärkeres Gewicht bekommen.
Hinter dem Projekt steckt eine Kernüberzeugung der Experten des Bayernwerks: Kommunen spielen bei der sicheren und stabilen Energieversorgung von morgen eine Schlüsselrolle. Sie könnten als intelligent vernetzte Gemeinden und Städte, so genannte Smart Citys, zum Dreh- und Angelpunkt werden, durch lokale Energiemärkte. Diese könnten dafür sorgen, Energie möglichst auch dort zu verbrauchen, wo sie erzeugt wird. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Kommunen überhaupt erst einmal wissen müssen, wieviel Strom erzeugt und verbraucht wird.
Gemeinsam mit den Kommunen Furth und Altdorf (sowie Schrobenhausen in Oberbayern) entwickelt das Unternehmen auch einen so genannten „Energiewendemonitor“. Dieser soll für Bürger und Kommunen die komplexen örtlichen Energiesituationen sichtbar machen mit einer online einsehbaren Plattform. Für die Kommunen soll so ihr jeweiliger Autarkiegrad ersichtlich sein: Wieviel Strom wird aktuell in der Kommune erzeugt – wieviel wird verbraucht und wieviel kommt aus dem vorgelagerten Stromnetz.
„Der Energiewendemonitor rückt die Energielandschaft der Kommune in den Mittelpunkt“, sagte Dr. Alexander Fenzl, der beim Bayernwerk die strategische Ausrichtung und die Entwicklung neuer Produktwelten verantwortet, bei der Präsentation des Projekts. Das Ziel für die Gemeinde Furth bei Landshut: ein ganzheitlicher, lokaler Energiemarkt mit visueller Darstellung individueller Energieerzeugung. Die Ergebnisse der Pilotprojekte der niederbayerischen „Strom-Denkfabrik“ sollen künftig Grundlage für das gesamte Netzgebiet sein.

Wie sieht das Stromnetz der Zukunft aus? Bayerns Wirtschafts- und Energieminister Franz Josef Pschierer (li.) und der Vorstandschef der Bayernwerk AG, Reimund Gotzel, gaben im niederbayerischen Osterhofen den Startschuss für ein Pilotprojekt, das bis Herbst 2019 läuft. Bayerns größter Verteilnetzbetreiber will mehr über die Auswirkungen und die Chancen künftig steigender Speicherleistung für eine sichere Stromversorgung erfahren. Foto: obx-news/Jens Henning-Billon

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