Bayerische „Erfinderschule“: Zum „Daniel Düsentrieb“ nach Stundenplan

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Als weltweit erste Schule führte ein niederbayerisches Gymnasium vor über drei Jahrzehnten den „Erfinderunterricht“ ein. Aus der verrückten Idee von damals ist eine Erfolgsgeschichte geworden – mit mehr als 600 Innovationen und Patenten.

Fürstenzell – Bundesweit einzigartig können Schüler im niederbayerischen Fürstenzell seit mehr als 35 Jahren das Schulfach „Erfinden“ belegen. Seit dem offiziellen Start des „Erfinder-Unterrichts“ am Maristengymnasium Fürstenzell im Jahr 1983 haben Schüler im Passauer Land mehr als 600 Innovationen ertüftelt. Dazu gehören ein Schutz vor K.O.-Tropfen genauso wie eine Not-Abschaltung für Photovoltaikanlagen, eine Carrera-Rennbahn mit Onboard-Kameras und eine Vorrichtung, die Alarm schlägt, wenn im Auto vergessenen Kindern oder Haustieren die Hitze gefährlich wird. Auch ein Rühradapter für Mikrowellengeräte und das Medi-Control-System, das Patienten benötigte Medikamente bereitstellt, haben als Schüler-Innovationen das Licht der Welt erblickt.

Aktuell arbeiten die rund 20 Schüler, die das Fach derzeit belegen, an einem ferngesteuerten Kehr- und Streugerät, welches mit seinen Livebild-Kameras rund ums Haus auch als mobiles Überwachungsgerät benutzt werden kann. Zu den derzeitigen Forschungsprojekten gehören unter anderem auch Alternativen für Plastiktrinkbecher, eine Innovation, die Radfahrer und Fußgänger vor abbiegenden Lkws warnt und eine Zugseilschaukel, die mit der Kraft der Armmuskeln zum Schwingen gebracht wird.
Viele der Fürstenzeller Innovationen erhielten hohe Auszeichnungen bei „Jugend forscht“. Regelmäßige und oft prämierte Gäste sind die niederbayerischen „Daniel Düsentriebs“ auch bei der weltgrößten Erfindermesse, der IENA in Nürnberg. Einige der ehemaligen Erfinderschüler haben inzwischen auch im technischen Bereich große Karrieren gemacht – und den Grundstein dafür an der Schule gelegt.
Das Erfinden ist ein freiwilliges Wahlfach mit mindestens zwei Unterrichtsstunden pro Woche. Das Erfinden selbst wird in „Gleitzeit“ angeboten, derzeit mittwochs und donnerstags zwischen 13 und 16 Uhr. Die Schüler wählen Tag und Uhrzeit. „Wer will, kann damit auch bis zu sechs Stunden pro Woche teilnehmen“, sagt Manfred Koser, der die Nachwuchs-Tüftler in Fürstenzell seit 20 Jahren unterrichtet. Er führt die Idee des Kunst- und Werklehrers Hubert Fenzl weiter, der das Projekt einst erfand.
Die Erfinder-Lektionen bestehen aus zwei Teilen: dem Fachunterricht und dem Erfinden. Im Fachunterricht bekommen die Schüler das technische Grundwissen vermittelt. „Das Erfinden erlernen die Schüler unter dem Motto Learning by Doing“, sagt Koser. „Das heißt: die Schüler befassen sich damit, eine Erfindung zu erarbeiten, wodurch sie sich nicht nur die Kenntnisse und Erfahrungen aus den eigenen Projekten aneignen, sondern auch die aus denen der anderen Erfinderschüler.“ Offen sind die Erfinderstunden für alle Schüler des Gymnasiums.
Die Begeisterung der Schüler ist seit vielen Jahren ungebrochen, sagt Erfinder-Betreuer Koser. Nur mehr Mädchen würde er sich noch in den Kursen wünschen. Sorgen bereite ihm hingegen immer wieder die Finanzierung des Projekts, das ausschließlich von Spenden getragen wird. „Im Gegensatz zu anderen Ländern, wie China, wo Erfinderschüler besonders gefördert werden, hat unser Staat für uns leider keinen Cent übrig“, sagt Koser.
Deshalb wird seit vielen Jahren darauf verzichtet, für die Erfindungen Schutzrechte zu erwirken. Leider werde dadurch aber dem Ideenklau durch fernöstliche Firmen Tür und Tor geöffnet. Koser hat aber auch Positives zu berichten: Die Zukunft des Gymnasiums als Erfinderschule ist langfristig gesichert. Mit der jungen Mathe- und Informatiklehrerin Nicole Bichler, die auch Robotikkurse leitet, hat er seine Wunschnachfolgerin gefunden. Für einen fließenden Übergang will er sie zukünftig solange unterstützen, bis sie das Projekt gut im Griff hat.

Bundesweit einzigartig können Schüler im niederbayerischen Fürstenzell seit mehr als 35 Jahren das Schulfach „Erfinden“ belegen. Seit dem offiziellen Start des „Erfinder-Unterrichts“ am Maristengymnasium Fürstenzell im Jahr 1983 haben Schüler im Passauer Land mehr als 600 Innovationen ertüftelt. Foto: obx-news/Koser

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