Ein Kämpfer für das Kino

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Exklusiver Content auf den Leinwänden, das Kino als Ort für besonders komfortablen Filmgenuss und mehr Sichtbarkeit für den deutschen Film: Der neue Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft, der Straubinger Kinobetreiber Dr. Thomas Negele, prophezeit dem deutschen Kino eine große Zukunft – wenn es mit der Zeit geht.

Straubing – Ein Niederbayer will dem deutschen Film künftig mehr Aufmerksamkeit und vor allem auch mehr Besucher in den rund 1.700 Kinos zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen verschaffen. Der Straubinger Dr. Thomas Negele ist seit diesem Jahr Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO), dem Dachverband von 18 Berufsverbänden der deutschen Film-, Fernseh- und Videowirtschaft. Im Sommer gab der 63-jährige Kino-Unternehmer ein anderes Spitzenamt ab, das er 15 Jahre prägte: Er stand an der Spitze des Hauptverbands Deutscher Filmtheater (HDF), Deutschlands größtem Kinoverband mit über 650 Mitgliedsbetrieben, die in Summe rund 3.300 Leinwände betreiben.

Dr. Thomas Negele hat Kino im Blut: Bereits seine Großeltern besaßen ein Filmtheater, die Familie macht seit einhundert Jahren Kino. Er selbst entschied sich jedoch zunächst für einen anderen Berufsweg, studierte in München Jura und promovierte im Steuerstrafrecht. Als Trainee arbeitete er zunächst in einer Privatbank, bevor er in das Kino der Eltern in Straubing einstieg. Er glaubt an das Kino und hat den Familienbetrieb bis heute weiter ausgebaut. Zum Citydom in Straubing kamen weitere Standorte unter anderem in Rosenheim und Sinsheim dazu.

2004 wurde er erstmals zum Vorstandsvorsitzenden des Hauptverbands Deutscher Filmtheater gewählt. Der Kino-Unternehmer übernahm das Amt in einer herausfordernden Zeit: Die Konkurrenz für den klassischen Kinogenuss ist in den vergangenen Jahren massiv gewachsen – durch immer größere Fernseher im heimischen Wohnzimmer, aber vor allem auch durch Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon, die Filmfans heute eine schier unendliche Auswahl an Blockbustern jederzeit auf den heimischen Bildschirm liefern. Das hat spürbare Folgen: Viele Kinos kämpfen mit einem massiven Besucherschwund. Das Jahr 2018 galt als ein neuer Tiefpunkt: Die Zahl der verkauften Tickets sank im Vergleich zum Vorjahr auf rund 105 Millionen und damit um rund 14 Prozent, der Umsatz fiel um rund 15 Prozent. Ähnlich schlechte Zahlen gab es zuletzt 1992. 2019 sieht allerdings besser aus: Im ersten Halbjahr stiegen die Umsatz- und Gästezahlen im Vergleich zum selben Zeitraum 2018 um rund fünf Prozent. 

Pessimistisch blickt Thomas Negele dennoch nicht in die Zukunft, auch weil er als Kinoverbandschef in den vergangenen Jahren einiges auf den Weg brachte. Über von ihm angestoßene staatliche Programme flossen in den vergangenen Jahren rund 150 Millionen Euro an die deutschen Filmtheater – als Fundament für wichtige Investitionen. Auch 2020 ist dieser Topf mit rund 17 Millionen Euro gut gefüllt. Die Politik überzeugte der Straubinger Unternehmer dabei vor allem immer mit einem Argument: Nicht nur erfüllen Kinos eine gesellschaftliche Funktion gerade in mittelgroßen Städten; die Förderung ist für den Staat auch ein Geschäft: „Ein Euro an Unterstützung fließt bis zu 13-fach zurück“, sagt Dr. Negele. 

„Die Kinos werden gut bestehen, wenn wir den Ort Kino mit dem Zukunftsprogramm aufwerten“, ist der Kino-Experte überzeugt. In seiner Heimatstadt Straubing lebt er vor, was er landauf landab Kino-Betreibern predigt: 2018 investierte er rund 400.000 Euro in einen neuen Luxus-Saal. Dieser bietet in den letzten beiden Reihen höchst komfortable Sessel, in denen man – O-Ton Dr. Negele – „besser liegt als zuhause auf der Couch“. Rund 1.600 Euro kostete jeder dieser Luxus-Sitzplätze. Auch auf den übrigen Plätzen sitzen Kinogänger äußerst bequem in Ledersesseln mit verstellbaren Rückenlehnen. Die Filme flimmern auf einer hochmodernen Leinwand aus den USA, bei der die Pixel extrem nah zusammenliegen und daher besonders hohen Sehgenuss auch in vorderen Reihen bieten. Essen und Trinken am Platz gehören ebenfalls zu den Annehmlichkeiten des Saals. „Die Leute sind auch bereit, für dieses Mehr an Qualität mehr zu bezahlen“, sagt Dr. Negele.
 
Neben den Hollywoodfilmen als Publikumsmagneten bietet der Niederbayer auch Streifen abseits vom Mainstream: Einer der sieben Säle ist künftig ein „Arthouse-Kino“, in dem beispielsweise fremdsprachige Originale mit Untertiteln  oder auch besondere deutsche Produktionen laufen. Geld, das weiß auch Dr. Negele, lässt sich damit zumindest anfangs nicht verdienen: „Die Nachfrage müssen wir erst erzeugen“, weiß er. Ein sehr gutes Marketing sei wichtig. 

Volle Säle vermeldeten Straubing und die anderen bayerischen Kinos zuletzt auch bei Filmen mit regionalem Fokus – wie den Eberhofer-Krimis oder der Komödie „Eine ganz heiße Nummer“. Sie schafften es im Citydom unter die Top 5, auch wegen der treuen Fangemeinde. 

Eine zentrale Aufgabe für Deutschlands Filmtheater sieht Dr. Negele darin, dass Kinos mehr über ihre Besucher und ihre Wünsche erfahren – und dass die Kinos ihre Kraft bündeln. „Dann können wir es auch schaffen, beispielsweise mit den großen Supermarktketten zu verhandeln und Nicht-Kino-Gänger im großen Stil für unser Angebot zu begeistern“, glaubt er. Auch mit den großen neuen Content-Produzenten wie Amazon oder Netflix könnten Deutschlands Kinos dann mit einer Stimme sprechen – und Inhalte exklusiv auf den Leinwänden bieten. 

In seiner neuen Rolle als Präsident der Filmwirtschaft will er die Interessen der Kinos und der deutschen Filmbranche zusammenbringen. Deutsche Produktionen haben in den Kinos derzeit einen Anteil von rund einem Fünftel, amerikanische Streifen von rund zwei Dritteln. Filme aus den USA, die es auf deutsche Leinwände schaffen, ziehen im Durchschnitt sieben Mal mehr Besucher in die Kinos als heimische Produktionen. Oder in Zahlen: Die 65 amerikanischen Neustarts sorgten für 25 Millionen Ticketverkäufe im ersten Halbjahr 2019, die 126 deutschen Produktionen nur für rund 7 Millionen Karten. 

Dr. Negele hat dafür eine einfache Erklärung. „Wir haben gute deutsche Filme“, weiß er. Produzenten seien aber froh, wenn sie mit ihrem Budget ihr Werk überhaupt fertigstellen könnten. Oft fehle dann das Geld, ihn überhaupt zu bewerben. „Hier müssen wir umsteuern.“ Als neuer Präsident der Deutschen Filmwirtschaft will er diese Herausforderung in den kommenden Monaten und Jahren angehen. Dafür rührt er auch in der Bundeshauptstadt kräftig die Werbetrommel, zuletzt beim Kinopolitischen Abend mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Berlin, den die SPIO gemeinsam mit dem HDF Kino ausrichtete.  

Kinopolitischer Abend mit HDF-Vorstandsvorsitzender Christine Berg, Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters und SPIO-Präsident Dr. Thomas Negele in Berlin. Foto: obx-news/Mike Auerbach
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